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5.2     Stimuluskontrolltechniken

 Mit Hilfe von Stimuluskontrolltechniken soll die Umgebung in der Weise verändert werden, so daß das Zielverhalten wahrscheinlicher und das Problemverhalten unwahrscheinlicher wird.

Der Einsatz von Stimuluskontrolltechniken basiert auf der Annahme, daß Übergewichtige bei ihrer Nahrungsaufnahme von Antezedenzen bestimmt werden. Es wird davon ausgegangen, daß bei Adipösen zu viele falsche Stimuli existieren, die eine erhöhte Nahrungsaufnahme zur Folge haben. Nach Stunkard (1982) berichten viele Patienten, daß Essen bei ihnen an vielen verschiedenen Orten und Zeiten stattfindet. Einige Patienten schildern beispielsweise, daß sie beim Fernsehschauen nach kurzer Zeit zu essen anfangen. Die Annahme ist, daß Fernsehschauen als diskriminativer Stimuli für Essen fungiert. Zur Gültigkeit dieser Annahme siehe Kapitel 3.3.6.

Durch den Einsatz von Reizkontrolltechniken wird eine Umgestaltung der Umwelt beabsichtigt, durch die falsche Stimuli gemieden und richtige Auslöser für die Nahrungsaufnahme gesetzt werden. Infolgedessen soll die Häufigkeit und das Ausmaß der Nahrungsaufnahme gesenkt werden.

 Schon in der klassischen Untersuchung von Ferster, Nurnberger und Levitt (1962) wurden eine ganze Reihe von Reizen identifiziert, die das problematische Eßverhalten auslösen. Seitdem sind Stimuluskontrolltechniken Bestandteil eines jeden verhaltenstherapeutischen Programms.

Paul und Jacoby (1989) nennen vier Bereiche in denen Stimuluskontrolltechniken zum Einsatz kommen: Einkaufsverhalten, Essensplanung, Eßarrangement und soziale Eßsituationen.

 Veränderungen, die das Einkaufsverhalten betreffen, haben zum Ziel, daß nur die Lebensmittel eingekauft werden, die nach sorgfältiger Planung (Essensplan) als richtig angesehen werden. Problematische Lebensmittel gelangen so erst gar nicht in die Wohnung, was sich einerseits auf die Menge der Lebensmittel, wie auch auf die Art der Lebensmittel bezieht. Es wird empfohlen, jeweils nur für einen Tag einzukaufen und kritische Lebensmittel, wie Süßigkeiten, nicht auf Vorrat im Haus zu haben. Beide Maßnahmen sollen den Patienten vor dem Unfallessen bewahren.

Weiterhin legt man dem Patienten nahe, Einkaufslisten anzufertigen und in einem gesättigten Zustand einzukaufen, so daß man nicht durch einen vermehrten Appetit oder Hunger zum Einkauf besonders schmackhafter und damit meistens fetthaltiger Lebensmittel verführt wird. Zusätzlich wird dem Klienten nahegelegt, nur soviel Geld mitzunehmen, wie für den Einkauf der geplanten Lebensmittel nötig ist (Paul & Jacoby, 1989).

Auch der Essensvorgang soll geplant werden. Es wird empfohlen, jeweils nur eine Mahlzeit zu kochen (die dem Essensplan entspricht, kein Kochen auf Vorrat). Nach der Zubereitung der Mahlzeit, sind alle Zutaten wegzuräumen, und es soll nur zu bestimmten, vorher festgelegten Zeiten gegessen werden.

Bezüglich des Eßarrangements wird geraten, sich einen bestimmten Eßplatz zu suchen, an dem dann alle Mahlzeiten eingenommen werden, immer dasselbe Gedeck zu benutzen und den Eßplatz besonders zu dekorieren. Wichtig ist, daß während des Essens keine anderen Tätigkeiten wie Fernsehen oder Lesen durchgeführt werden. Weiterhin soll ein Rest der Portion auf dem Teller übrig gelassen werden, und nach der Beendigung der Mahlzeit soll man den Eßplatz verlassen. Es sollen also Zeiten, Orte und Aktivitäten, die mit dem Essen assoziiert sind, reduziert werden (Wadden & Bell, 1990).

Ein weiterer Bereich, in dem Stimuluskontrolltechniken zum Einsatz kommen, ist die Planung sozialer Situationen, die mit Essen verbunden sind. Bezüglich Einladungen zu Parties bzw. Restaurantbesuchen wird empfohlen, vorher zu planen, was man ißt, und es wird der Ratschlag gegeben, wenig Alkohol zu trinken, da der Alkoholgenuß mit der Außerkraftsetzung guter Vorsätze assoziiert ist.

 Fuchs (1982) stellte 19 konkrete Regeln zur Stimuluskontrolle zusammen, die dem Klienten an die Hand gegeben werden können. Sie sollen die praktische Umsetzung der Stimuluskontrolltechniken in den obigen Bereichen erleichtern.

 

Empirische Hinweise

In einer Untersuchung von McReynolds, Lutz, Paulsen & Kohrs (1976) wurden Stimuluskontrolltechniken als effektive therapeutische Vorgehensweise erkannt. Vierundfünfzig übergewichtige Frauen wurden zwei Behandlungsgruppen zugeordnet. In der verhaltenstherapeutischen Bedingung wurden verschiedene Techniken vermittelt, unter anderem Selbstverstärkung, Selbstbeobachtung der täglichen Kalorienzufuhr, sozialer Druck und Stimuluskontrolltechniken. In der anderen Gruppe wurde ein besonderer Schwerpunkt auf die Anwendung von Stimuluskontrolltechniken gelegt. So sollten diese Behandlungsteilnehmer für jede Mahlzeit immer dasselbe Geschirr verwenden und sämtliche Lebensmittel nur von diesem Teller essen. Zusätzlich gab es konkrete Ge- und Verbote, die den Einkauf, das Lagern und die Zubereitung von Lebensmitteln betrafen. Es zeigten sich gute Gewichtsabnahmen während des Programms in beiden Gruppen. Zu den Nachuntersuchungszeitpunkten 3 und 6 Monate später, wiesen die Teilnehmer, bei denen der Schwerpunkt auf die Vermittlung von Stimuluskontrolltechniken gelegt wurde, die besseren Ergebnisse auf. Für deren Überlegenheit führen die Autoren drei mögliche Erklärungen an. Vorteile sehen sie in der direkten Relevanz der Stimuluskontrolle für die Eßkontrolle, daß konkrete Verhaltensanweisungen gegeben, und daß die persönliche Umgebung der Teilnehmer umstrukturiert wurde.

 Fuchs (1982) stellte fest, daß eine Behandlungsbedingung ohne Stimuluskontrolle genauso gute Gewichtsverluste erbrachte wie eine Behandlungsbedingung mit Therapieelementen der Stimulus- und Selbstverstärkungstechniken. Eine individuell erarbeitete Stimuluskontrolle führte nicht zu einer Verbesserung der Ergebnisse. Auch in einer Studie von Loro, Fischer & Levenkron (1979) zeigte sich die Anwendung von Stimuluskontrolltechniken als relativ ineffektiv.

 

Indikation

Nach Coates (1977, zitiert nach Stunkard, 1982) profitieren insbesondere diejenigen Personen von der Anwendung von Stimuluskontrolltechniken, die Defizite in diesem Bereich aufweisen.

 

Die Vermittlung von Stimuluskontrolltechniken findet in fast allen verhaltenstherapeutischen Programmen statt. Nach Stunkard (1982) stellt die Stimuluskontrolle neben der Selbstbeobachtung die Hauptstütze der Behandlung dar. Die Effektivität der Stimuluskontrolltechniken und ihr Beitrag in der verhaltenstherapeutischen Behandlung sind aber unklar geblieben (Wadden & Bell, 1990, Wadden, 1993). Wegen ihrem eindeutigen Appell an die Klienten werden sie aber innerhalb der Programme beibehalten (Wadden, 1993).

 

 

 

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