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5.9     Ernährungsberatung

Die Vermittlung von Ernährungswissen wird heute als notwendiger Bestandteil von verhaltenstherapeutischen Gewichtsabnahmeprogrammen angesehen (Wadden & Bell, 1990; Wilson, 1995). Dieses Wissen ist notwendig, damit der Patient sich selbst eine kalorienarme und balancierte Diät während der Phase der Gewichtsabnahme zusammenstellen kann (Wadden & Bell, 1990), wichtiger aber noch für die Zusammenstellung von adäquaten Mahlzeiten nach Beendigung des Behandlungsprogramms, wenn der Patient wieder auf sich selbst gestellt ist.

Frühere verhaltenstherapeutische Programme enthielten keine formale Ernährungsberatung. Den Patienten wurde nur mitgeteilt, sie sollten während der Gewichtsabnahmephase zwischen 1000 und 1500 kcal/Tag zu sich nehmen (in Abhängigkeit von ihrem persönlichen

Energiebedarf), um eine wöchentliche Gewichtsabnahme von durchschnittlich 0,5 kg zu erreichen (Wadden, 1993). Dies geschah in der Überzeugung, daß eine Kalorie Fett sich nicht von einer Protein- oder Kohlenhydratkalorie unterscheidet. Heutzutage weiß man, daß eine fettreiche Ernährung kardiovaskuläre Erkrankungen begünstigt und der Energieverbrauch bei der Metabolisierung von Kohlenhydraten um 25 % höher ist als bei der Fettmetabolisierung (Wadden, 1993). Aus diesen Gründen wird heute neben einer balancierten insbesondere eine fettärmere Ernährung empfohlen.

Der Patient muß in der Lage sein, seine Ernährung entsprechend diesen Empfehlungen zusammenzustellen und darauf achten, daß sein Kalorienbedarf nicht überschritten wird. Dazu sind bestimmte Wissensinhalte und Fertigkeiten notwendig, die in der Ernährungsberatung während eines verhaltenstherapeutischen Programms vermittelt werden. In einem multidisziplinären Team wird diese Therapiekomponente meist von einem Diätberater durchgeführt (Koch, Gromus & Bengel, 1986).

Ein wichtiges Thema der Ernährungsberatung ist die Vorstellung der Makronährstoffe (Proteine, Fette, Kohlenhydrate), die Rolle, die sie für die Gesundheit spielen, die notwendigen Mengen für eine gesunde Ernährung, und in welchen Lebensmitteln sie vorhanden sind. Weiterhin lernen die Teilnehmer die unterschiedlichen Fett-Typen kennen. In den Beratungsstunden werden auch die notwendigen Fertigkeiten vermittelt, um mittels der Etiketten auf den Verpackungen auf die Zusammensetzung und auf den Kaloriengehalt der eingekauften Lebensmittel schließen zu können (McNulty, 1992).

Innerhalb der Beratung werden auch Techniken vermittelt, die notwendig sind, um eine adäquate Nahrungszusammensetzung zu garantieren. Hierfür existieren zwei Methoden. Beim Austauschsystem werden zuerst die Lebensmittel der verschiedenen Lebensmittelgruppen vorgestellt. Dann werden Nährstoffgehalt, Kaloriengehalt und empfohlene Portionsgrößen der einzelnen Lebensmittel erläutert. Eine andere Möglichkeit der Lebensmittelzusammenstellung ist die Technik des Kalorienzählens. Neben der Betonung eines genauen Abwiegens und Abmessens wird den Patienten mitgeteilt, daß sie ihre Mahlzeiten so zusammenstellen sollen, daß 15 - 20 % der notwendigen Kalorien von Proteinen, höchstens 30 % von Fett und der Rest von Kohlenhydraten stammen sollte (Select Committee on Nutrition and Human Needs, 1977, zitiert nach McNulty, 1992). Weiterhin sei darauf hingewiesen, daß als notwendiges technisches Hilfsmittel eine Kalorientabelle empfohlen wird (McNulty, 1992).

Gegenstand der Ernährungsberatung ist auch das Einkaufsverhalten (McNulty, 1992). Dabei sollen die Patienten ihre Mahlzeiten für eine Woche im voraus planen und dann eine Einkaufsliste der benötigten Lebensmittel anfertigen. Um unüberlegtes Einkaufen zu verhindern, wird empfohlen, die notwendigen Einkäufe in einem gesättigten Zustand durchzuführen und verführerische Supermärkte zu vermeiden. Ebenso wird noch einmal darauf hingewiesen, daß der Ablauf der Mahlzeiten geplant werden muß. Beim Einkaufsverhalten, wie auch bei der Planung der Mahlzeiten kommen Techniken der Stimuluskontrolle zur Anwendung. Das Einkaufen, wie auch die Einnahme der Mahlzeiten kann gemeinsam mit der Gruppe in vivo durchgeführt werden.

Auch die Zubereitung adäquater Speisen kann während der Gruppenstunden stattfinden. Dadurch können einerseits Techniken über fettarme Zubereitungsarten vermittelt werden und auch die Überzeugung, kalorien- bzw. fettarmes Essen würde nicht schmecken, kann angegangen werden. Der Diätberater kann während der Gruppenstunden jede Woche eine neues Rezept vorstellen und die Patienten auffordern, ihre Lieblingsrezpte mitzuteilen. Er bekommt hierdurch die Möglichkeit, Vorschläge zu unterbreiten, wie einige kritische Lebensmittel in dem Rezept durch kalorien- bzw. fettärmere Zutaten ersetzt werden können.

Um den spezifischen Beratungsbedarf der Patienten festzustellen, können die von den Patienten geführten Diättagebücher eingesammelt und mit Kommentaren versehen bzw. mit den Patienten durchgesprochen werden. Weiterhin sollten die Patienten dazu ermuntert werden, ihre Aufzeichnung täglich kritisch durchzusehen (McNulty, 1992).

 

Weitere Themen der Ernährungsberatung können der Umgang mit Problemlebensmitteln, Restaurantbesuche, das Verhalten auf Parties und der Umgang mit Alkohol sein, die aber auch in anderen Teilen der Therapie Gegenstand der Gespräche sind (z.B. innerhalb eines Problemlösetrainings).

Zum Umgang mit den problematischen Lebensmitteln (Eiskrem, Kekse, Schokolade) sei kurz auf folgende Hinweise verwiesen. Es gilt auch hier die generelle Regel, daß jedes Lebensmittel verzehrt werden darf, wenn auch nur gelegentlich. McNulty (1992) empfiehlt eine vernünftige Planung des Verzehrs dieser Lebensmittel. So kann zusätzlich zum täglichen Kalorienbedarf eine Eiskremmenge von 300 kcal verzehrt werden, wenn diese Kalorien durch Bewegung bzw. einer geringeren Energiezufuhr bei den Mahlzeiten wieder ausgeglichen werden.

 

Die Ernährungsberatung stellt unter anderem das notwendige Wissen für eine ausgeglichene und fettarme Ernährung zur Verfügung. Festzustellen ist ein eklatanter Mangel an empirischen Untersuchungen in diesem Bereich. Notwendig wären empirische Kenntnisse über den notwendigen Umfang, die richtige Auswahl des Wissensstoffs und eine effektive Vermittlung der Ernährungsberatung.

 

  

 

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