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6.2     Gewichtsabnahme durch eine verhaltenstherapeutische

Adipositasbehandlung

 Ein verhaltenstherapeutisches Adipositasprogramm besteht immer aus einer Reduktionsdiät während der Gewichtsabnahmephase und verhaltenstherapeutischen Strategien, wie sie in Kapitel 5 dargestellt sind. In den Studien ab Mitte der achtziger Jahre werden dabei fast immer alle der dort beschriebenen Therapiekompononenten verwirklicht, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Die reduzierte Mischkost, die die Teilnehmer zu sich nehmen, besitzt im allgemeinen einen Kaloriengehalt von 1200 kcal/Tag. Wenn in der Folge von einer verhaltenstherapeutischen Adipositasbehandlung gesprochen wird, so schließt dies immer die Durchführung einer solchen Diät mit ein.

Nach Stunkard (1992) ist die verhaltenstherapeutische Adipositasbehandlung insbesondere für die milde Adipositas (BMI 27 - 30 kg/m2) indiziert, wird aber von vielen Forschern und in

der klinischen Praxis auch bei Personen mit moderater Adipositas (BMI 31 - 35 kg/m2) sowie bei Personen mit einem noch höheren Grad der Adipositas angewandt.

Um die Effektivität dieser Vorgehensweise zu untersuchen, wird zuerst auf die Übersichtstabelle von Wadden (1993) Bezug genommen und schließlich einige Studien genannt, die gute Ergebnisse bei den Gewichtsabnahmen berichten.

Aus der Tabelle von Wadden (1993) kann man erkennen, daß seit Anfang der siebziger Jahre kontinuierlich eine Verlängerung der Therapie stattgefunden hat. Im Jahre 1974 betrug die durchschnittliche Länge eines verhaltenstherapeutischen Adipositasprogramms 8,4 Wochen, gegenüber 21,3 Wochen in den Jahren 1988 - 1990. Mit der Verlängerung der Behandlungsprogramme stiegen auch die Gewichtsabnahmen an. Im Jahr 1974 betrug die durchschnittliche Gewichtsabnahme durch ein verhaltenstherapeutisches Adipositasprogramm noch 3,8 kg, 1988 - 1990 wird eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 8,5 kg erreicht. Dabei blieben die durchschnittlich erzielten Gewichtsabnahmen pro Woche mit 0,4 - 0,5 kg konstant. Unter der Annahme, daß bei einer Verlängerung der Programme die wöchentliche Gewichtsabnahme von 0,4 - 0,5 kg erhalten bleiben würde, weiteten einige Autoren die Behandlungsdauer auf bis zu 52 Wochen aus (Wadden, Foster & Letizia, 1990, zitert nach Wadden, 1993). Eine weitere Verbesserung der Gewichtsabnahmen war notwendig, da durch Reduktionen des Körpergewichts in der Größenordnung von 8,5 kg viele Behandlungsteilnehmer noch immer ein erhebliches Übergewicht aufwiesen.

 

Tab. 6:  Zusammenfassung der Daten ausgewählter Studien von 1974 bis 1990, die eine verhaltenstherapeutische Adipositasbehandlung durchführen (nach Wadden, 1993, p. 205)

 

 

1974

1978

1984

1985-87

1988-90

No. of studies included

15

17

15

13

5

Sample size

53,1

54

71,3

71,6

21,2

initial weight (kg)

73,4

87,3

88,7

87,2

91,9

initial % overweight

49,4

48,6

48,1

56,2

59,8

Length of treatment (weeks)

8,4

10,5

13,2

15,6

21,3

Weight loss (kg)

3,8

4,2

6,9

8,4

8,5

Loss per week (kg)

0,5

0,4

0,5

0,5

0,4

Attrition (%)

11,4

12,9

10,6

13,8

21,8

Length of follow-up (weeks)

15,5

30,3

58,4

48,3

53

Loss at follow-up

4,0

4,1

4,4

5,3

5,6



In erster Linie kommen die höheren Gewichtsabnahmen, über die in neueren Studien berichtet werden durch die Verlängerung des Behandlungsprogramms zustande. Auch Bennet (1986) stellt bei einer Überblicksarbeit von 105 Studien einen positiven korrelativen Zusammenhang zwischen der Länge der Behandlung und der Gewichtsabnahme fest. Er spekuliert, daß die Patienten die Verhaltensweisen zur Gewichtsabnahme solange anwenden, wie sie an dem Programm teilnehmen. Endet das Programm, zeigen sie auch nicht mehr das entsprechende Verhalten. Neben einer längeren Behandlungsdauer hat zwischen 1974 und 1990 auch eine inhaltliche Verbesserung der Programme stattgefunden, indem zu den Komponenten der Selbstbeobachtung, der Stimuluskontrolle und den Techniken zur Verlangsamung der Essensrate neue Vorgehensweisen, wie das kognitive Restrukturieren, die soziale Unterstützung, die Durchführung einer Rückfallprophylaxe und die Vermittlung einer körperlich aktiveren Lebensweise hinzugekommen sind. Es ist zu vermuten, daß sich diese umfassenderen Programme insbesondere auf die Langzeitergebnisse auswirken, die weiter unten dargestellt werden.


In einer Untersuchung von Jeffery et al. (1998) mit 193 Studienteilnehmern, zeigte sich ein verhaltenstherapeutisches Programm anderen Behandlungsbedingungen überlegen, in denen zusätzlich Therapieelemente mit dem Ziel einer erhöhten körperlichen Aktiviät verwirklicht wurden. Die Teilnehmer, die nur die vehaltenstherapeutische Behandlung ohne weitere Zusätze erhielten und initial einen BMI von 31,4 kg/m2 aufwiesen, zeigten nach einer Behandlungszeit von 6 Monaten eine durchschnittliche Reduktion ihres Körpergewichts von 8,3 kg. In den anderen Bedingungen nahmen die Teilnehmer durchschnittlich zwischen 5,6 bis 7,9 kg ab.

In einer weiteren Studie von Jeffery et al. (1993) wurden 101 Männer und 101 Frauen fünf Bedingungen zugeordnet. Alle Studienteilnehmer wiesen ein Übergewicht von 14 bis 32 kg auf und hatten einen durchschnittlichen BMI von 31 kg/m2. Nach 6 Monaten zeigten die Teilnehmer zweier Behandlungsgruppen, denen zusätzlich zu einem verhaltenstherapeutischen Programm fertige Mahlzeiten zur Verfügung gestellt wurden, die höchsten Gewichtsabnahmen. Diese Teilnehmer erreichten im Durchschnitt nach 6 Monaten eine Gewichtsabnahme von 10,1 kg. Obwohl die Behandlung weitere 12 Monate dauerte und die Probanden weiterhin eine Reduktionsdiät durchführen sollten, nahmen sie ab diesem Zeitpunkt durchschnittlich wieder an Gewicht zu. Dispersionsmaße für die Gewichtsabnahmen werden wie auch in der Studie von Jeffery et al. (1998) nicht berichtet.

Eine Gewichtsabnahme von 11,87 kg bei 21 Männer und Frauen berichten Jeffery et al. (1984). Der durchschnittliche BMI aller Teilnehmer (N=113) zu Beginn der Behandlung betrug 31,87 kg/m2. In Anbetracht der relativ kurzen Behandlungszeit von 16 Wochen sind die erzielten Gewichtsabnahmen bemerkenswert. In dieser Bedingung wurden die Teilnehmer für ihre Gewichtsabnahmen finanziell belohnt, wobei die Höhe der finanziellen Belohnung im Verlauf der Behandlung sukzessiv angehoben wurde. Auch in dieser Studie wurde für die durchschnittliche Gewichtsabnahme keine Standardabweichung mitgeteilt.

Beeindruckende Ergebnisse berichten Wadden und Stunkard (1986). Sechzehn Teilnehmer verloren durchschnittlich 14,3 kg (SD = 6,7) während einer 6-monatigen verhaltenstherapeutischen Behandlung. Die Adipösen wiesen zu Beginn der Behandlung ein Übergewicht von 91,8 % (SD = 32,2) auf. In dieser Studie fiel die kleine Gruppengröße mit 4 bis 7 Personen auf.

Perri et al. (1989) weiteten ein Behandlungsprogramm auf eine Dauer von 40 Wochen aus. Nach 20 Wochen lag die durchschnittliche Gewichtsabnahme bei 10,09 kg (SD = 5,53). In den darauffolgenden 20 Wochen erhöhte sich die Gewichtsabnahme nur um weitere 3,55 kg auf 13,64 kg (SD = 9,0).

Wadden, Foster und Letizia (1990, zititert nach Wadden, 1990) stellten in einer unveröffentlichten Behandlungsstudie, in der die Gewichtsabnahmephase auf 52 Wochen verlängert wurde, einen ähnlichen Verlauf der Gewichtsabnahmen fest. In den ersten 26 Wochen beobachteten die Forscher eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 11,9 kg, im weiteren Verlauf der Behandlung zeigte sich aber nur eine weitere Gewichtsreduktion von 2,5 kg.


In 4 der 6 genannten Studien aus den Jahren 1984 bis 1998 werden Gewichtsabnahmen nach 6 Monaten berichtet. Sie reichen von 8,3 kg bis 14,3 kg und im Durchschnitt ergibt sich bei den 4 Studien eine Reduzierung von 11,15 kg.

Bei einer zurückhaltenden Bewertung dieser Studienergebnisse, kann man feststellen, daß man bei einer professionellen Durchführung verhaltenstherapeutischer Adipositasprogramme nach 6 Monaten im Durchschnitt eine Gewichtsabnahme von 10 kg erwarten kann.

Bei einer Verlängerung der Behandlungsdauer sinkt im weiteren Verlauf die wöchentliche Gewichtsabnahme. Abnahmen, die 10 kg übersteigen, erfordern von den Teilnehmern einige Ausdauer. In der Studie von Wadden et al. (1990, zitiert nach Wadden, 1990) sank die durchschnittliche Gewichtsabnahme pro Woche von 0,46 kg/Woche während der ersten 26 Wochen auf durchschnittlich 0,1 kg/Woche in der zweiten Behandlungshälfte ab. Auch in der Studie von Perri et al. (1989) sank der Wert von 0,5 kg/Woche während der ersten 20 Wochen auf 0,18 kg/Woche. Auf der Basis der geringen Gewichtsabnahmen nach etwa 6 Monaten sollte individuell entschieden werden, ob das Diätverhalten nicht zugunsten anderer therapeutischer Schwerpunkte (Gewichtserhaltung, Rückfallprophylaxe oder körperliche Bewegung) aufgegeben werden sollte.

Auf eine detaillierte Auflistung der Programmelemente wird verzichtet, da sich die Programme relativ ähnlich sind, und die Gewichtsabnahmen in erster Linie mit der Einhaltung der Reduktionsdiät zusammenhängen. Trotzdem seien noch kurz einige Strategien der verhaltenstherapeutischen Behandlungen obiger Studien erwähnt, die mit einer guten Gewichtsabnahme assoziiert sind. Die Bereitstellung fertiger Mahlzeiten, eine ansteigende finanzielle Belohnung der Gewichtsabnahme und insbesondere eine Verlängerung der Behandlungsdauer bewirken eine höhere Gewichtsabnahme. In der Untersuchung von Wadden und Stunkard (1986) fiel die kleine Gruppengröße mit 4 bis 7 Personen auf, die eine intensive Betreuung ermöglicht, was eventuell ein Grund für die erfreulich hohen Gewichtsabnahmen darstellt.

 

 

  

 

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