| 6.3 Langfristige Gewichtsabnahme durch eine verhaltenstherapeutische Adipositasbehandlung Das entscheidende Kriterium zur Beurteilung der verhaltenstherapeutischen Adipositasbehandlung ist die langfristige Erhaltung der erzielten Gewichtsabnahmen. Aus der Tabelle 6 läßt sich auf der Basis der 5 Studien der Jahre 1988 - 1990 erkennen, daß nach einer durchschnittlichen Gewichtsabnahme von 8,5 kg nach einem Jahr noch etwa 5,6 kg vorhanden sind. Das entspricht in etwa zwei Drittel der Gewichtsabnahmen. Ähnliche Durchschnittswerte ergeben sich für die 13 Studien aus dem Jahre 1985 - 1987. Hier werden genau 63,1 % der Gewichtsabnahmen gehalten. Darauf basierend kann man die vereinfachte Regel aufstellen, daß 2/3 der Gewichtsabnahmen ein Jahr nach der Behandlung noch vorhanden sind. Eine Interpretation der Zahlen aus den Jahren 1974 und 1978 ist aufgrund der geringen Gewichtsabnahmen und der kurzen Zeit bis zur Nachbehandlung nicht zu empfehlen. Es werden nun kurz einige Studien dargestellt, in denen eine Nachuntersuchung ein Jahr nach Behandlungsende durchgeführt wurde.
In der Studie von Jeffery et al. (1993) zeigten die Teilnehmer, denen fertige Mahlzeiten zur Verfügung gestellt wurden, nach einer durchschnittlichen Gewichtsabnahme von 10,1 kg, ein Jahr später noch eine Gewichtsabnahme von 6,4 kg und wiesen damit noch 63,4 % der initialen Gewichtsabnahmen auf. Der BMI verringerte sich dabei von 31,0 kg/m2 vor Beginn der Behandlung auf 28,6 kg/m2 18 Monate später. Bis zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung fanden weiterhin monatliche Treffen statt. In der Untersuchung von Jeffery et al. (1984) wiesen die Teilnehmer mit einer durchschnittlichen Gewichtsabnahme von 11,87 kg ein Jahr später noch eine Reduktion des Körpergewichts von 9,1 kg auf. Die Teilnehmer wiesen damit noch durchschnittlich 76,7% ihrer Gewichtsabnahmen auf. Auch hier fanden während der 12 Monate bis zum Nachuntersuchungszeitpunkt weitere Treffen statt, die eine Erhaltung der Gewichtsabnahmen zum Ziel hatten. Frauen zeigten in dieser Studie eine deutlich bessere Erhaltung ihrer Gewichtsabnahmen. Sie nahmen von ihren initialen Gewichtsabnahmen wieder 15,1 % zu, im Gegensatz zu den Männern, deren Gewicht im Durchschnitt um 31,7 % anstieg. Die Gewichtsabnahmen der 16 Teilnehmer in der Studie von Wadden und Stunkard (1986) verringerten sich von durchschnittlich 14,3 kg (SD = 6,7) nach der Behandlung auf 9,5 kg (SD = 6,7) 12 Monate später. Dies entspricht einer Erhaltung der Gewichtsabnahmen von 66,4 %. Perri et al. (1989) weiteten die Gewichtsabnahmephase auf 40 Wochen aus und am Ende der Behandlung wiesen die Teilnehmer eine Gewichtsabnahme von 13,64 kg (SD = 9,0) auf. Zum Nachuntersuchungszeitpunkt 8 Monate später, zeigten die Teilnehmer noch eine Gewichtsabnahme von 9,85 kg (SD = 8,21), das bedeutet, 72,2 % der Gewichtsabnahmen konnten erhalten werden. Für die dargestellten Studien von Jeffery et al. (1984, 1993), Wadden und Stunkard (1986) und Perri et al. (1989) liegen bedauerlicherweise keine Daten der weiteren Gewichtsverläufe vor. Auf Basis dieser Studien und aus den Daten der Tabelle 6 kann festgestellt werden, daß ein Jahr nach Behandlungsende noch etwa zwei Drittel der Gewichtsabnahmen vorhanden sind. Nachfolgend werden nun Studien dargestellt, die das Gewicht der adipösen Klienten über einen längeren Zeitraum beobachteten. In einer Aufstellung von Kramer, Jeffery, Forster und Snell (1989) wird über Gewichtsabnahmen von 12 Studien berichtet. Für 6 der 12 Studien werden die Gewichtsabnahmen 2 Jahre nach Behandlungsende mitgeteilt. Für diese sechs Studien ergibt sich eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 8,6 kg nach Beendigung des Gewichtsabnahmeprogramms, und 2 Jahre später weisen die adipösen Klienten im Durchschnitt noch eine Reduktion des Körpergewichts - bezogen auf ihr Eingangsgewicht - von 4,6 kg auf. Folglich verfügen die Teilnehmer zwei Jahre nach Behandlungsende noch etwa über die Hälfte der initial erzielten Gewichtsabnahmen. Wadden et al. (1989) führten eine Nachuntersuchung 5 Jahre nach Beendigung des Gewichtsabnahmeprogramms durch. Alle Studienteilnehmer (N = 76) besaßen vor Beginn der Behandlung einen durchschnittlichen BMI von 39,4 kg/m2 (SD = 0,8). Die Probanden der verhaltenstherapeutischen Bedingung zeigten nach einer 6-monatigen Behandlung eine Gewichtsabnahme von 13,0 kg (SD = 1,4). Diese 22 Teilnehmer hatten danach keinen weiteren therapeutischen Kontakt. Nach einem Jahr war eine Gewichtsabnahme von 6,6 kg (SD = 1,9) festzustellen und 5 Jahre später, wiesen die Teilnehmer noch eine Gewichtsreduktion von 2,7 kg (SD = 1,8) auf. Nur 13,3 % der Teilnehmer zeigten zu diesem Zeitpunkt eine Gewichtsabnahme von 5 kg oder mehr. Keiner der Probanden wies eine Gewichtsabnahme von ≥10 kg oder mehr auf. In einer Studie von Kramer et al. aus dem Jahre 1989 wurden die Gewichtsabnahmen von 152 Studienteilnehmern 4 Jahre nach Beendigung der Behandlung erhoben. Nach Beendigung des nur 15 Wochen dauernden Programm zeigten die 114 Männer eine Gewichtsabnahme von durchschnittlich 13,0 kg (SD = 5,2) und nach 4 Jahren wiesen die Teilnehmer noch eine Gewichtsabnahme von 2,8 kg (SD = 6,3) auf. Die 38 Frauen in dieser Untersuchung nahmen durch die Behandlung 8,6 kg (SD = 3,8) ab und zeigten nach 4 Jahren - bezogen auf das Eingangsgewicht - eine Gewichtsabnahme von 4,0 kg (SD = 5,8). Nur 0,9 % der Männer und 5,3 % der Frauen konnten ihre initialen Gewichtsabnahmen über alle Nachuntersuchungszeitpunkte erhalten, 34 % sämtlicher Teilnehmer erhielten sich wenigstens 25 % ihrer Gewichtsabnahmen. Insgesamt zeigen die Daten, daß Männer mehr an Gewicht abnehmen und Frauen größere Erfolge bei deren Erhaltung verzeichnen. Zusammenfassend kann man folgende Aussagen über den langfristigen Gewichtsverlauf nach einer Reduktionsdiät in Kombination mit verhaltenstherapeutischen Strategien treffen. Ein Jahr nach der Behandlung sind im Durchschnitt noch zwei Drittel der Gewichtsabnahmen vorhanden und 2 Jahre nach Beendigung des Therapieprogramms weisen die adipösen Klienten noch etwa die Hälfte der initialen Gewichtsabnahmen auf. Nachuntersuchungen zu einem späteren Zeitpunkt zeigen, daß ein erheblicher Teil der adipösen Patienten wieder ihr Gewicht vor Beginn der Behandlung aufweist. Faßt man die beiden Studien, welche Gewichtsabnahmen 4 und 5 Jahre nach Behandlungsende erhoben, zusammen, so ist festzustellen, daß von 12 kg Gewichtsabnahme 4 1/2 Jahre später noch 3 kg vorhanden sind. Frauen zeigen eine bessere Performance bei der Erhaltung ihrer Gewichtsabnahmen. Neuere Studien, mit einer Nachuntersuchung 4 Jahre nach Behandlungsende existieren nicht, in einer älteren Studie mit einer Nachuntersuchung nach 5 Jahren wurde nur ein zehnwöchiges Adipositasprogramm durchgeführt (Stalonas, Perri & Kerzner, 1984). In dieser Studie hatten die Teilnehmer zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung durchschnittlich ein höheres Gewicht als vor der Behandlung. Für eine genauere Bestandsaufnahme werden noch weitere Studien mit einer Nachuntersuchung 4 bis 5 Jahre nach Behandlungsende benötigt. Die berichteten Gewichtsverläufe nach Ende der Behandlung sind für die Betroffenen überwiegend nicht zufriedenstellend. Weiterhin scheint bei dieser Vorgehensweise eine obere Grenze der Gewichtsabnahmen zu bestehen, die für die meisten Teilnehmer bei 12 bis 14 kg liegt. Verbesserungen des langfristigen Gewichtsverlaufs, sind daher insbesondere durch Strategien der Gewichtserhaltung zu erwarten.
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