| 6.4 Gewichtsabnahme durch eine verhaltenstherapeutische Adipositasbehandlung in Kombination mit einer VLCD Patienten mit moderater bzw. schwerer Adipositas benötigen höhere Gewichtsabnahmen, als die, welche durch eine verhaltenstherapeutische Adipositasbehandlung durchschnittlich erzielt werden. Nach Foreyt, Mitchell, Garner, Gee, Scott & Gotto (1982, zitiert nach Wadden & Bell, 1990) ist bei Personen mit einer moderaten Adipositas eine Gewichtsabnahme von 15 bis 25 kg notwendig. Um höhere Gewichtsabnahmen zu erzielen, wurden neben der Verlängerung der Gewichtsabnahmephase zwei weitere Vorgehensweisen erprobt: eine Diät mit sehr niedrigem Kaloriengehalt, die sogenannte Very Low Calorie Diet (VLCD) und der Einsatz von Pharmaka. Nachfolgend wird die Effektivität einer verhaltenstherapeutischen Behandlung in Kombiantion mit einer VLCD näher betrachtet.
Diese Behandlungsprogramme unterscheiden sich von den verhaltenstherapeutischen Programmen durch eine Phase von 8 bis 16 Wochen, in denen eine Diät zwischen 400 - 800 kcal/Tag verwirklicht wird. In der restlichen Zeit wird eine balancierte Diät mit 1200 kcal/Tag praktiziert. Mit einer VLCD erzielt man beinahe so hohe Gewichtsabnahme wie durch Fasten, erhält aber aufgrund der Verabreichung von 50 bis 100 g Protein die fettfreie Masse. Die VLC-Diäten liegen entweder in flüssiger Form vor oder bestehen aus eiweißhaltigen konventionellen Lebensmitteln. Der Teilnehmer ist während ihrer Durchführung unter medizinischer Beobachtung, was weitere Kosten verursacht. Die VLC-Diäten produzieren innerhalb von 12 Wochen eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 15 - 20 kg (Wadden & Bell, 1990). Diese Gewichtsabnahmen sind in etwa doppelt so groß wie die, welche durch eine konventionelle Diät erzielt werden. Bei Wadden (1993) findet sich eine Übersicht von vier Studien aus den Jahren 1988 bis 1991 in denen eine VLCD in Kombination mit einer Verhaltenstherapie durchgeführt wurde. Die Teilnehmer dieser Studien nahmen bei einer durchschnittlichen Behandlungsdauer von 19,5 Wochen im Durchschnitt 17 kg ab. Die Behandlungsdauer der einzelnen Studien lag zwischen 16 und 26 Wochen. Im Durchschnitt wurde eine VLCD 9,5 Wochen durchgeführt. Nachfolgend werden einige neuere Studien dargestellt. In einer Untersuchung von Wing, Shiffman, Drapkin, Grilo und McDermott aus dem Jahre 1995 wurde ein VLCD an 24 Wochen durchgeführt, nämlich vom 1 - 3 und 6 - 8 Monat. Während der restlichen Zeit der insgesamt 50 Wochen dauernden Behandlung konsumierten die 45 Teilnehmer eine konventionelle Reduktionsdiät. Die Gruppentreffen fanden wöchentlich statt und wurden von einem Verhaltenstherapeuten geleitet. In den Treffen konzentrierte man sich auf Selbstbeobachtung, Stimuluskontrolle, kognitives Restrukturieren und Techniken der Selbstverstärkung. Durch die hohe Anzahl an Gruppentreffen war zusätzlich genügend Zeit für Rollenspiele und für die Erarbeitung individueller Problemlösestrategien vorhanden. Nach 6 Monaten zeigten die Teilnehmer eine Gewichtsabnahme von durchschnittlich 16,8 kg (SD = 8,3). Nach Vollendung der gesamten Therapiezeit verringerte sich die Gewichtsabnahme auf 14,5 kg (SD = 8,3). Der durchschnittliche BMI aller Teilnehmer dieser Studie (N = 93), betrug vor Beginn der Behandlung 37,9 kg/m2 (SD = 6,3). Wadden et al. (1994) untersuchten die Gewichtsabnahmen von 28 adipösen Frauen mit einem durchschnittlichen BMI von 40,01 kg/m2. Die VLCD (420 kcal/Tag) wurde 16 Wochen lang zu Beginn der einjährigen Behandlung durchgeführt. In der übrigen Zeit wurde eine balancierte Reduktionsdiät (1200 kcal/Tag) durchgeführt. Die verhaltenstherapeutische Behandlung basierte auf dem Manual von Brownell (1989). In den wöchentlichen Gruppentreffen wurden folgende therapeutische Komponenten verwirklicht: Registrierung des Eßverhaltens, Stimuluskontrolle, kognitives Restrukturieren, soziale Unterstüzungung, ein aktiverer Lebenstil und Problemlösetraining. Zusätzlich wurde ein Walking-Programm realisiert. Die Teilnehmer zeigten nach 26 Wochen mit durchschnittlich 21,45 kg (SD=9,63) ihre höchsten Gewichtsabnahmen. Nach Beendigung des Behandlungsprogramm registrierte man einen Gewichtsabnahme von 17,33 kg (SD = 9,86). Im Anschluß an das Behandlungsprogramm schloß sich noch ein Gewichtserhaltungsprogramm von 26 Wochen an. Eine Reduktion des BMI von 34 kg/m2 (SD = 4,8) auf 24 kg/m2 (SD = 3,0) wurde bei 14 adipösen Frauen durch ein verhaltenstherapeutisches Programm erzielt (Cash, 1994). Die Teilnehmerinnen nahmen durchschnittlich 25 kg ab. Die Behandlungsdauer wurde auf die Bedürfnisse der Probandinnen abgestimmt. Die VLCD (600 - 800 kcal/Tag) dauerte im Durchschnitt 18 Wochen. In einer Studie von Wadden, Foster & Letizia (1992) unterzogen sich 180 Frauen ohne Binge Eating einem 26 wöchigen verhaltenstherapeutischen Adipositasprogramm. Sie besaßen zu Beginn der Behandlung einen BMI von 37,6 kg/m2 (SD = 5,9). Die Gewichtsabnahmen lagen nach Beendigung des Programms bei durchschnittlich 21,7 kg (SD = 8,8). Eine VLCD (420 kcal/Tag) in flüssiger Form wurde an 12 Wochen durchgeführt. Nunn, Newton und Faucher (1992) stellen die Ergebnisse des WEIGHT CONTROL FOR LIFE! Programms dar, in der eine VLCD für 12 bis 16 Wochen angewandt wird. In einem weiteren Programmabschnitt wird eine sechswöchige Phase der Gewichtserhaltung durchgeführt. Dieser erste Abschnitt des Programms dauert durchschnittlich 25 Wochen. Daran anschschließend beginnt eine Nachbehandlung für 52 Wochen (26 zweiwöchentliche Treffen) in denen die üblichen verhaltenstherapeutischen Strategien vermittelt werden. Nach Beendigung der Gewichtsabnahmephase, nach 25 Wochen, zeigten die Probanden eine Gewichtsabnahme von 24,4 kg (SD = 7,87). Der BMI verringerte sich von 38,05 kg/m2 (SD = 8.19) um 8,91 kg/m2 (SD = 2,85) auf 29,14 kg/m2. In den fünf dargestellten Studien aus den Jahren 1992 bis 1995 nahmen die Patienten durchschnittlich 21,9 kg ab. Diese Gewichtsabnahmen wurden im Durchschnitt nach 24 Wochen erreicht. Die Gewichtsabnahme lagen zwischen 16,8 und 24,4 kg. Durchschnittlich dauerte in diesen fünf Studien die Anwendung der VLCD 16,8 Wochen. Die durchschnittliche Behandlungsdauer der fünf Studien ohne daran anschließende Gewichtserhaltungsprogramme betrug 34,2 Wochen (von 18 bis 52 Wochen). Die berichteten Gewichtsabnahmen der Studien ab 1992 liegen höher als in den vier Studien, die bei Wadden (1993) dargestellt werden. Dort nahmen die Teilnehmer bei einer Behandlungsdauer von 19,5 Wochen 17 kg ab, wobei die VLCD durchschnittlich 9,5 Wochen dauerte. Die besseren Gewichts abnahmen der Studien ab 1992 sind höchstwahrscheinlich auf eine längere Dauer des Programms und insbesondere auf einer längeren Durchführung der VLCD zurückzuführen. In zwei Studien betrug die Zeitspanne der Gewichtsabnahme in etwa 1 Jahr ( Wadden et al., 1994; Wing et al., 1995). Die Teilnehmer dieser beiden Studien zeigten dabei eine durchschnittliche Gewichtszunahme von 3,2 kg von der 26. bis zur 52. Woche, obwohl bis zum Ende der Behandlung eine balancierte Diät (1200 kcal/Tag) durchgeführt wurde. Die Gründe hierfür sind noch unklar. Als Ursache für diese Gewichtszunahme werden biolgische Gegenregulationen und die Nichtanwendung der Gewichtskontrollstrategien diskutiert. Weiterhin stellt sich für die meisten Patienten ab einer gewissen Höhe der Gewichtsabnahmen eine Verlangsamung der weiteren Gewichtsreduktion ein. In einer Studie von Wadden, Foster, Letizia und Mullen (1990) nahmen die adipösen Frauen in den ersten Monaten der Behandlung durch eine 420 kcal/Tag Diät durchschnittlich 5,8 kg ab. Im vierten Monat sank die monatliche Gewichtsabnahme dann auf 3,1 kg ab, obwohl die Patientinnen noch immer 50 % übergewichtig waren. Zusammenfassend kann man feststellen, daß mit einer 16 Wochen dauernden VLCD, innerhalb eines sechsmontigen verhaltenstherapeutischen Gewichtsabnahmeprogramms, durchschnittlich eine Gewichtsabnahme von 21 kg erzielt werden kann. Diese Gewichtsabnahme ist doppelt so hoch wie die, welche durchschnittlich unter Verwendung eines verhaltenstherapeutischen Adipositasprogramms erreicht wird.
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