| 7. Die Effektivität der Gewichtserhaltungsstrategien Die Hauptaufgabe für die Klienten in der Adipositastherapie ist es, Gewichtsabnahmen zu erzielen und diese dann langfristig zu erhalten. Die Studien in Kapitel 6.3 zeigen, daß der Gewichtsabnahme bei fast allen Patienten wieder eine Gewichtszunahme erfolgt. Die verwirklichten Maßnahmen in verhaltenstherapeutischen Gewichtsabnahmeprogrammen, in denen ein neues Eßverhalten und Bewegungsverhalten erlernt werden soll, reichen scheinbar nicht aus, um die Gewichtsabnahmen erfolgreich zu erhalten. Aus diesem Grund wurden spezifische Vorgehensweisen entwickelt, die eine Erhaltung der Gewichtsabnahmen zum Ziel haben.
In den siebziger Jahren wurden sogenannte Booster Sessions nach der Beendigung der eigentlichen Adipositasbehandlung eingeführt. In diesen Sitzungen wurden die Gewichtsabnahmestrategien der vorherigen Behandlung wiederholt. Diese Vorgehensweise zeigte aber keine große Effektivität (Ashby & Wilson, 1977; Beneke & Paulsen, 1979). Nach Perri (1992) war ein Grund für das Scheitern die geringe Zahl der Sitzungen (nur 3 bis 6 Sitzungen über einen Zeitraum von 1 bis 3 Monate nach Behandlungsende). Perri führte in den achtziger Jahren eine Reihe von Studien durch, in denen verschiedene Strategien der Gewichtserhaltung getestet wurden. Er fand heraus, daß weiterer Kontakt zum Therapeuten, Rückfallprophylaxe, soziale Unterstützung und körperliche Bewegung mit einer besseren Erhaltung der Gewichtsabnahmen assoziiert sind (Perri, 1995). Da bis zum heutigen Zeitpunkt keine eindeutigen Indikationskriterien für die Gewichtserhaltungsstrategien verfügbar sind, zeigte die Anwendung der genannten Strategien als Paket die größten Erfolge (Perri, 1995). Die Strategien werden nun kurz im einzelnen vorgestellt. Andauernder Kontakt des Patienten zum Therapeuten ist mit einer besseren Erhaltung der Gewichtsabnahmen assoziiert. Dieser kann durch Brief- und Telefonkontakt oder durch regelmäßige Treffen realisiert werden. Durch die Sitzungen richtet sich die Aufmerksamkeit kontinuierlich auf das entscheidende Eß- und Bewegungsverhalten. Die Treffen sollen eine motivierende und verstärkende Wirkung auf die kontinuierliche Anwendung der Gewichtserhaltungsstrategien entfalten. Auftretende Probleme bei der Umsetzung der Techniken der Gewichtskontrolle, können mit dem Therapeuten besprochen werden. Perri, Shapiro et al. (1984) konnten zeigen, daß Patienten, die während der Gewichtsabnahmephase Rückfallverhütungsstrategien vermittelt bekamen und für weitere 6 Monate nach Behandlungsende weiteren Brief- und Telefonkontakt erhielten (thematisiert wurde die Anwendung der Gewichtskontrollstrategien), signifikant bessere Gewichtsabnahmen nach 12 Monate zeigten als Klienten, ohne weiteren Kontakt nach Behandlungsende. Teilnehmer mit Kontakt bauten ihre Gewichtsabnahmen von 9,63 kg auf 10,34 kg 12 Monate nach Beendigung der Gewichtsabnahmetherapie aus, im Gegensatz zu Probanden ohne weiteren Kontakt, die von 8,55 kg nach der Behandlung ein Jahr später nur noch 2,96 kg aufwiesen. Perri (1995) weist auf die wichtige Rolle von Rückfallverhütungsstrategien bei der Erhaltung der Gewichtsabnahmen hin. Dabei zeigt eine Vermittlung dieser Strategien nicht die erwünschten positiven Effekte, wenn sie während der Gewichtsabnahmebehandlung vermittelt werden (Perri, 1995). Um ihre Wirkung bei der langfristigen Erhaltung der Gewichtsabnahmen zu entfalten, müssen diese Strategien im Anschluß an das eigentliche Gewichtsabnahmeprogramm und in Kombination mit weiterem Konatakt zum Therapeuten realisiert werden. In einer Studie von Perri, McAdoo et al. (1984) wurde untersucht, ob sich die Initiierung von Selbsthilfegruppen positiv auf die Gewichtsabnahmeerhaltung auswirkt. Die Selbsthilfegruppen fanden in Kombination mit weiterem Patienten-Therapeuten-Kontakt statt, so daß man keine Aussage darüber machen kann, welchen Beitrag diese Gruppentreffen zur Erhaltung der Gewichtsabnahmen unabhängig vom Therapeutenkontakt leisten. In den Selbsthilfegruppen unterstützten sich die Patienten gegenseitig bei der Anwendung von Gewichtskontrollstrategien und wandten Problemlösetechniken an. Bei einer Nachuntersuchung 21 Monate nach Behandlungsende zeigte sich, daß diese Vorgehensweise der Durchführung von 6 Booster Sessions überlegen war. Teilnehmer der ersten Bedingung zeigten nach 21 Monaten einen Gewichtsverlust von 4,56 kg von initialen 6,13 kg Gewichtsabnahme gegenüber einer Gewichtsabnahme von 0,3 kg nach 21 Monaten in letzterer Bedingung.
Tab. 7: Vergleich von Verhaltensweisen und Verstärkern, die mit einer Gewichtsabnahme und einer Gewichtserhaltung assoziiert sind (nach Wadden & Bell, 1990, p. 465).
Eine erhöhte körperliche Bewegung (z.B. Aerobic, Joggen, Walking oder Schwimmen) stellt einen Schlüsselfaktor in der Erhaltung der Gewichtsabnahmen dar. In einer Untersuchung von Perri, McAdoo, McAllister, Lauer & Yancey (1986) konnten die positiven Effekte einer erhöhten körperlichen Bewegung aber nicht repliziert werden. Eine Ursache liegt eventuell darin, daß das betreute Bewegungsprogramm nur während der Gewichtsabnahmephase durchgeführt wurde. Es existieren aber zahlreiche Studien, welche die herausragende Rolle der körperlichen Bewegegung bei der langfristigen Erhaltung der Gewichtsabnahmen dokumentieren (siehe Kapitel 5.8). Perri (1995) empfiehlt, zum gegenwärtigen Stand der Forschung ein Nachbehandlungsprogramm anzuwenden, welches mehrere therapeutischen Strategien der Gewichtserhaltung integriert. Folgende Strategegien sollten realisiert werden: andauernder professioneller Kontakt, Rückfallverhütungstraining, soziale Unterstützung durch Selbsthilfegruppen und ein Bewegungstraining. In Tabelle 7 nach Wadden & Bell (1990) werden die unterschiedlichen Anforderungen an den Patienten während einer Gewichtsabnahmetherapie und eines Erhaltungsprogramms dargestellt. Eine dritte Spalte mit eigenen Vorschlägen entsprechender Strategien für die Gewichtsabnahmeerhaltung, die sich aus den entsprechenden Anforderungen ergeben, wurde ergänzend hinzugefügt. Die unterschiedlichen Verhaltensweisen und Verstärker in den beiden Abschnitten der Adipositasbehandlung machen deutlich, daß während der Phase der Gewichtsabnahmeerhaltung Anforderungen an den Patienten gestellt werden, die weitere professionelle Interventionen notwendig machen. Der Name Perri ist eng mit der Erforschung von Gewichtserhaltungsstrategien verknüpft. Problematisch bei den Studien von Perri ist die relativ geringe Dauer nach Beendigung der Nachbehandlungen bis zur Nachuntersuchung mit höchstens 15 Monaten. Ein zu kurzer Zeitraum, um die Anwendung der Gewichtserhaltungstrategien sinnvoll zu bewerten. Inhalte der Nachbehandlungsprogramme stellen einzelne Strategien dar, wie sie auch in Gewichtsabnahmeprogrammen Verwendung finden. Perri verlegt dabei diese Strategien in die Zeit der eigentlichen Adipositastherapie. Grundlegend neue Strategien wurden nicht entwickelt. Der Zeitraum der Nachbehandlungen, die in den Studien um Perri realisiert wurden, belief sich auf höchstens 1 Jahr. Ein weiterer Kontakt der Klienten zum Therapieprogramm darüber hinaus bestand nicht mehr und wurde auch nicht diskutiert. Da die Patienten für eine Gewichtskonstanz lebenslang die Strategien zur Gewichtskontrolle anwenden müssen, sollte ein therapeutisches Angebot geschaffen werden, auf das die Betroffenen in kritischen Situationen zurückgreifen können. Neben der Zuweisung von Individuen zu spezischen Behandlungen versprechen Verbesserungen in Gewichtserhaltungsprogrammen die größten Fortschritte in einer effektiven Behandlung adipöser Patienten. Zukünftige Forschung sollte diesen beiden Bereichen besondere Aufmerksamkeit schenken.
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