| 10. Die Effektivität der Behandlung von Binge Eating Nach Wadden, Foster und Letizia (1992) weisen etwa ein Drittel der Teilnehmer verhaltenstherapeutischer Gewichtsabnahmeprogramme Binge Eating (BE) auf. Die Schätzungen reichen dabei von 25 - 50 % (LaPorte, 1992). Die Störung Binge Eating Disorder (BED) besitzt in der allgemeinen Population unter Frauen eine Prävalenz von 1,8 % (Bruce & Agras, 1992, zitiert nach Agras et al., 1994). Telch, Agras und Rossiter (1988, zitiert nach Telch & Agras, 1993) fanden heraus, daß die Prävalenz der BED mit der Schwere der Adipositas ansteigt. Das englische Wort binge wird im Wörterbuch mit Freßgelage übersetzt und Adipöse mit BE verzehren große Nahrungsmengen innerhalb kurzer Zeit, ohne daß versucht wird die übermäßige Nahrungszufuhr durch extreme Methoden der Gewichtskontrolle wieder
rückgängig zu machen. Im DSM-IV (1994) wird BED als "recurrent episodes of binge eating in the absence of the regular use of inappropriate compensatory behaviors characteristic of Bulimia Nervosa" (p. 550) beschrieben. Kennzeichnend für diese Störung ist ein Kontrollverlsut während der Eßanfälle und eine merkliche Verzweiflung hinsichtlich dieses Eßverhaltens. Nach Marcus, Wing und Hopkins (1988, zitiert nach Wadden et al., 1992) leiden die Betroffenen häufig unter affektiven Störungen und Persönlichkeitsstörungen. Porzelius, Houston, Smith, Arfken und Fisher (1995) weisen auf Defizite im interpersonalen Bereich hin. Psychopathologische Auffälligkeiten, die teilweise bei Adipösen gefunden wurden spiegeln eventuell den Anteil der Personen mit BE in der jeweiligen Untersuchung wieder (siehe Kapitel 3). Binge Eating wird an zwei Stellen für die Behandlung der Adipositas relevant. Es gibt empirische Hinweise, daß Personen mit BE in verhaltenstherapeutischen Adipositasprogrammen geringere Gewichtsabnahmen zeigen (Keefe, Wyshogrod, Weinberger & Agras, 1984) und häufiger die Therapie abbrechen (Marcus, Wing & Hopkins, 1988). Möglicherweise benötigen Adipöse mit BE eine modifizierte Form der Therapie um zufriedenstellende Gewichtsabnahmen zu erreichen. Nachfolgend werden einige Studien vorgestellt, die darüber berichten, ob Personen mit BE häufiger die Therapie abbrechen bzw. geringere Gewichtsabnahmen zeigen. Anschließend werden die Ergebnisse zweier Studien vorgestellt, welche die Gewichtsabnahmeprogramme um weitere Komponenten ergänzten bzw. modifizierten um die Eßanfälle zu senken. LaPorte (1992) untersuchte die Effekte einer verhaltenstherapeutischen Adipositasbehandlung kombiniert mit einer VLCD bei 94 adipösen Patienten. Die 28 Männer hatten einen durchschnittlichen BMI von 39,2 kg/m2 (SD = 6,7) und die 36 Frauen wiesen einen BMI von 36,3 kg/m2 (SD = 5,7) auf. Von den 94 Probanden, beendeten 68 die Behandlung regulär. Obwohl nicht signifikant, zeigte sich, daß häufiger Personen mit BE (32 %) die Behandlung vorzeitig verlassen, als Adipöse ohne BE (17 %). Die Gewichtsabnahmeunterschiede zwischen Patienten mit BE und ohne BE waren nicht signifikant und betrugen nach der zehnwöchigen Behandlung 18,72 kg bzw. 20,23 kg. Eine Nachuntersuchung wurde nicht durchgeführt. LaPorte (1992) folgert auf Basis dieser Ergebnisse, daß Patienten mit Binge Eating auch mit einem verhaltenstherapeutischen Gewichtsabnahmeprogramm in Kombination mit einer VLCD behandelt werden können. Zu beachten ist aber die relativ kurze Behandlungsdauer in dieser Studie. Man kann vermuten, daß Adipöse mit BE schlechtere Ergebnisse bei der Erhaltung der Gewichtsabnahmen zeigen, so daß eine Behandlung der Eßanfälle indiziert wäre. In einer Studie von Wadden et al. (1992) wurden ein 26 Wochen dauerndes verhaltenstherapeutisches Adipositasprogramm in Kombination mit einer VLCD an 235 adipösen Frauen mit einem durchschnittlichen BMI von 37,3 kg/m2 (SD = 5,9) durchgeführt. Von den Teilnehmerinnen wiesen 29 BE auf, 180 zeigten kein BE und 26 Teilnehmerinnen wurden als Episodic Overeaters (EO) klassifiziert. Letztere zeigen im Gegensatz zu Adipösen mit BE während der Eßanfälle keinen Kontrollverlust. Der Prozentsatz der Patienten, die die Behandlung regulär beendeten, betrug bei den Patientinnen mit BE 52% und 42,3% bei Patientinnen mit OE. Von den Teilnehmerinnen ohne BE beendeten 62,8% die Behandlung nicht vorzeitig. Die Unterschiede waren nicht signifikant. Signifikant häufiger verließen aber Studienteilnehmerinnen mit BE und EO die Behandlung zwischen der 20. und 26. Woche, kurz nach Beendigung der VLCD und der Wiedereinführung konventioneller Lebensmittel in den Diätplan. Die sogenannte Refeeding-Phase scheint zu hohe Anforderungen an Adipöse mit BE zu stellen, so daß sie die Behandlung abbrechen. Bezüglich der Gewichtsabnahmen zeigte sich zu keinem Zeitpunkt der Behandlung zwischen den 3 Patientengruppen signifikante Unterschiede. Bei der Nachuntersuchung nach 12 Monaten beliefen sich die Gewichtsabnahmen bei den Patienten mit BE, den Patienten mit EO und den Patienten ohne BE auf 21,5 kg (SD = 8,9), 19,4 kg (SD = 10,5) und 21,7 kg (SD = 8,8). Die Unterschiede waren nicht signifikant. Auch Telch und Agras untersuchten 1993 die Effekte eines verhaltenstherapeutischen Gewichtsabnahmeprogramms in Kombination mit einer VLCD bei 20 Patienten mit Binge Eating und 71 Patienten, die kein Binge Eating aufwiesen. In dieser Untersuchung konnte nicht festgestellt werden, daß Personen mit BE die Behandlung häufiger abbrechen. Auch bei den Gewichtsabnahme wurden keine Unterschiede festgestellt. Bei den Patienten mit BE nahmen die Eßanfälle während der Behandlung ab, stiegen nach Beendigung der Therapie aber wieder an. Ein interessantes Ergebnis war, daß einige Teilnehmer, die zu Beginn der Behandlung als Patienten ohne BE eingestuft wurden, während der Behandlung Eßanfälle aufwiesen, was sich aber bis zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung wieder regulierte. Es werden nun zwei Studien vorgestellt, die Binge Eating im Rahmen eines Gewichtsabnahmeprogramms behandeln, um bessere Gewichtsabnahmen zu erzielen. Smith, Marcus und Kaye (1992, zitiert nach Agras et al. 1994) stellten fest, daß diejenigen Patienten, die ihr BE senken konnten signifikant mehr Gewicht verloren, als die Patienten, denen dies nicht gelang. Darauf basiert die Hypothese, daß es eventuell sinnvoll wäre zuerst BE vor der Durchführung eines Gewichtsabnahmeprogramms zu behandeln. Agras et al. (1994) trugen dieser Hypothese mit ihrem Studiendesign Rechnung, indem sie folgende Bedingungen realiserten: ein 9 Monate dauerndes verhaltenstherapeutisches Gewichtsabnahmeprogramm, ein 6-monatiges Gewichtsabnahmeprogramm mit einer vorangestellten 12-wöchigen kognitiven Behandlung zur Reduzierung des BE und schließlich als dritte Bedingung, die Ergänzung der zweiten Bedingung mit einer Desipraminbehandlung während der sechsmonatigen Gewichtsabnahmephase. Die Behandlung mit Antidepressiva zeigte gute Ergebnisse bei der Verringerung von Binge-Episoden bei Bulimia Nervosa und die Autoren untersuchten aus diesem Grund deren Effektivät bei Personen mit BE. Den drei Behandlungsbedingungen wurden 108 adipöse Frauen mit BE und einem durchschnittlichen BMI von 38,6 kg/m2 (SD = 6,6) zugeordnet. Die Teilnehmerinnen der kognitiven Behandlung zeigten nach deren Beendigung signifikant höhere Reduktionen des BE als die Teilnehmeinnen der Gewichtsabnahmetherapie (67 % Reduktion des BE gegenüber 44 %). Keine signifikanten Unterschiede zwischen den Behandlungsbedingungen zeigten sich bei den Therapieabbrüchen. Zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung, 3 Monate nach Behandlungsende und 1 Jahr nach Behandlungsbeginn wiesen die Klientinnen, in deren Bedingung zusätzlich Desipramine verabreicht wurden bezogen auf das Eingangsgewicht, eine Gewichtsabnahme von durchschnittlich 4,8 kg auf. In der kognitiven Therapiebedingung ohne Desipraminbehandlung zeigte sich durchschnittlich keine Gewichtsabnahme. Durch das Gewichtsabnahmeprogramm ohne jegliche Zusätze wurde ein durchschnittlicher Gewichtsverlust von 4,15 kg erzielt. Diese Unterschiede waren nicht signifikant. Standardabweichungen wurden nicht berichtet. Abstinenz beim Binge Eating zeigte signifikante Auswirkungen auf die Gewichtsabnahmen. Teilnehmerinnen, die nach 12 Wochen Abstinenz aufwiesen, hatten höhere Gewichtsabnahmen (3,3 kg Gewichtsabnahme gegenüber einer Gewichtszunahme von 2 kg bei Patienten mit BE). In der 36. Woche wiesen die Adipösen, die kein BE mehr zeigten eine Gewichtsabnahme von 6,2 kg gegenüber 3,1 kg Gewichtsverlust für die Patienten mit BE auf. Dieser Unterschied bei den Gewichtsabnahmen war aber nicht signifikant. Agras et al. (1997) führten eine Nachuntersuchung 1 Jahr nach Behandlungsende durch. Die Teilnehmer aus drei verschiedenen Studien wurden 12 Wochen mit einem kognitiven Programm zur Reduzierung von BE behandelt, dem sich ein 24-wöchiges Gewichtsabnahmeprogramm anschloß. Nach 12 Wochen war BE bei 72 % der Teilnehmer reduziert und 41 % der Teilnehmer waren diesbezüglich abstinent. Zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung war BE bei 64 % reduziert und 33 % wiesen Abstinenz auf. Teilnehmer, die nach dem kognitiven Programm kein BE mehr zeigten, nahmen bis zu dessen Beendigung 0,8 kg ab und wiesen zur Nachuntersuchung eine Gewichtsabnahme von 4,0 kg auf. Teilnehmer die nach dem BE-Reduktionsprogramm noch BE aufwiesen, zeigten nach den ersten 12 Wochen eine Gewichtszunahme von 2,2 kg und zur Nachuntersuchung wogen sie durchschnittlich 3,5 kg mehr als vor Behandlungsbeginn. Porzelius et al. (1995) untersuchten die Effektivität eines "Obese bing eating treatment" (OBET) im Vergleich zu einem verhaltenstherapeutischen Adipositasprogramm Den beiden Behandlungsbedingungen wurden insgesamt 54 Frauen mit einem durchschnittlichen BMI von 31,4 kg/m2 (SD = 8,7) zugeordnet. Mittels OBET sollen die Patienten ihr rigides Diätieren aufgeben, den Umgang mit negativen Gefühlen lernen und ihr Eßverhalten normalisieren. Es werden Selbstbehauptungs- und Problemlösefertigkeiten trainiert und mittels Selbstbeobachtung negative Kognitionen erfaßt, die zu Streß und negativen Stimmungen führen und als Auslöser für BE-Episoden angesehen werden. Zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 12 Monate nach Beendigung der Behandlung zeigte sich, daß Frauen mit schwerem BE in der OBET-Bedingung signifikant mehr an Gewicht verloren (5,2 kg gegenüber 3,2 kg). Patientinnen ohne und mit moderatem BE zeigten keine signifikanten Gewichtsabnahmeunterschiede in den beiden Bedingungen. Binge Eating wurde durch beide Behandlungen zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung signifikant gesenkt. Es zeigte sich diesbezüglich keine Überlegenheit des OEBT. Es wurden keine Standardabweichungen berichtet. In den dargestellten Studien konnten die von Marcus et al. (1988, zitiert nach Wadden et al., 1992) festgestellte höhere Therapieabbruchquote von Patienten mit BE nicht repliziert werden. Es scheint wohl einen leichten Trend dahin zu geben, daß Adipöse mit BE die Therapie vorzeitig verlassen, doch zeigten sich diesbezüglich keine signifikanten Ergebnisse. Ein gesichertes empirisches Ergebnis ist aber die höhere Abbruchquote bei adipösen Patienten mit BE nach Beendigung einer VLCD bei Wiedereinführung konventioneller Lebensmittel. In dieser Zeit müßte die Betreuung für gefährdete Personen intensivert werden. Auch schlechtere Gewichtsabnahmen Adipöser mit BE in verhaltenstherapeutischen Gewichtsabnahmeprogrammen wurden nicht registriert. Nur in einer Studie von Wadden et al., (1992) wurden Gewichtsabnahmen 12 Monate nach Beendigung des Programms erhoben, die aber keine signifikanten Gewichtsunterschiede zwischen Adipösen mit und ohne BE feststellten. Weitere Studien mit Nachuntersuchungen 2 bis 3 Jahre nach Behandlungsende sind dringend notwendig um herauszufinden ob Patienten mit BE eine schlechtere Gewichtsabnahmeerhaltung aufweisen. Während eines Gewichtsabnahmeprogramms nehmen die Eßanfälle ab. Gründe hierfür sind eventuell in den strukturierten Eßsituationen zu finden, die durch ein Gewichtsabnahmeprogramm vermittelt werden (z.B. durch Diätpläne). Die Anwendung spezifscher Behandlungsprogramme für Binge Eating hat gezeigt, daß sie in der Lage sind die Häufigkeit von Eßanfällen weiter zu reduzieren. Patienten, denen es gelingt, abstinent zu werden, weisen langfristig höhere Gewichtsabnahmen auf. Zwei Dinge sprechen für eine Behandlung von Binge Eating innerhalb eines verhaltenstherapeutischen Adipositasprogramms: ein langfristig günstigerer Gewichtsverlauf und eine zu erwartende positve Veränderung des psychischen Allgemeinzustands, wenn keine Eßanfälle mehr gezeigt werden, was sich auch positiv auf die Einhaltung der Gewichtskontrollstrategien auswirken sollte, davon unabhängig aber ein Ziel mit eigenem Wert darstellt. Da die Häufigkeit von Binge Eating mit steigendem BMI assoziiert ist, besteht die Möglichkeit, daß Eßanfälle an einer Gewichtszunahme beteiligt sind. Weiteren Gewichtszunahmen kann eventuell mit der Behandlung des Binge Eating entgegengewirkt werden. Programme, wie Binge Eating behandelt werden kann, insbesondere in Kombination mit einer Gewichtsabnahmebehandlung, stehen noch am Anfang ihrer Entwicklung. Weitere Forschung ist notwendig.
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