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3.3.6   Externalitätshypothese 

Dem Bilanzprinzip folgend, wurde die Aufmerksamkeit auch auf das Eßverhalten der Adipösen gerichtet. Experimente in Eßlabors von Schachter (1968, 1971) führten in der Folge zur Formulierung der Externalitätshypothese.

Sie besagt, daß das Eßverhalten Adipöser außenreizgesteuert ist. Demnach wird das Erleben von Appetit, Hunger und Sättigung durch Umweltsignale beeinflußt und weniger intensiv durch Innenreize gesteuert. Das Eßverhalten Übergewichtiger ist nach dieser Hypothese weitgehend determiniert durch Umweltsignale wie Aussehen, Geruch und Geschmack der Nahrung, aber auch durch Uhrzeit, Menge und deren Verfügbarkeit. Infolgedessen kommt es zu einer erhöhten Nahrungsaufnahme, die über dem Energiebedarf  liegt und schließlich zur Adipositas beiträgt.

Lern- und Erziehungsprozesse werden als Grundlage für diese Verhaltensdispositionen angesehen. Damit eröffnete sich ein weites Feld für verhaltenstherapeutische Maßnahmen.

Hypothesenkonform zeigen Experimente mit dem Trickteller, daß Adipöse den sich leerenden Teller als Außenreiz benutzen und ihr Sättigungsgefühl von dem Füllzustand des Tellers abhängig machen (Pudel & Westenhöfer, 1991).

Die Konzepte des latent Übergewichtigen (Pudel, Metzdorff & Oetting 1975) und des gezügelten Essens (Hermann & Polivy, 1980) schränken die Gültigkeit der Externalitätshypothese ein. Mit beiden Konzepten werden Menschen beschrieben, die mit mehr oder weniger großem Verhaltensaufwand ihre Nahrungszufuhr begrenzen, um einer Gewichtszunahme vorzubeugen oder um ihr Gewicht zu stabilisieren (Pudel & Westenhöfer, 1991). Die Außenreizabhängigkeit, die verminderte Wahrnehmung der Körpergefühle sowie eine durch Streß ausgelöste Nahrungsaufnahme und fehlender Appetenzverlust ordnen Pudel und Westenhöfer (1991) nunmehr den Personen zu, die als gezügelte Esser oder latent Übergewichtige bezeichnet werden. Dabei stellt die Externalität der Adipösen ein Resultat auf eine Beschränkung der Nahrungsaufnahme dar.

 

 3.3.7   Gezügeltes Eßverhalten

Unter gezügeltem Eßverhalten versteht man ein relativ überdauerndes Muster der Nahrungszunahme, daß durch eine kognitive Kontrolle und Übersteuerung physiologischer Hunger- und physiologischer Appetenzsignale auf eine geringere Kalorienzufuhr zum Zweck der Gewichtsreduktion bzw. Gewichtskonstanz zielt (Pudel & Westenhöfer, 1991). Ein Problem von vielen gezügelten Essern dabei ist, daß es ihnen nicht gelingt, ihr Eßverhalten dauerhaft zu kontrollieren. Pudel und Westenhöfer (1991) sehen gezügeltes Eßverhalten als einen Risikofaktor für ein gestörtes Eßverhalten an.

Nach Pudel und Westenhöfer (1991) wird gezügeltes Essen durch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht motiviert. Dabei muß gar kein Übergewicht vorhanden sein. Das Schlankheitsideal in unserer Gesellschaft motivert dieses Verhalten. Das Ziel dabei ist oftmals nicht das Normalgewicht, sondern das sogenannte Idealgewicht. Bei einer Untersuchung von 35000 Leserinnen eines Frauenmagazins zeigte sich, daß das Schlankheitsideal bei einem Body Mass Index an der unteren Grenze des Normalgewichts bei 18 - 20 kg/m2 liegt (Westenhöfer, Pudel, Maus & Schlaf, 1987). Nur 17 % der deutschen Frauen fallen in diesen Gewichtsbereich.

Theoriegemäß konnten Laessle, Tuschl, Kotthaus und Pirke (1989) zeigen, daß gezügelte Esser eine signifikant geringere Energiezufuhr besitzen. In dieser Untersuchung nahmen die gezügelten Esser durchschnittlich 1956 kcal/Tag zu sich gegenüber 2338 kcal/Tag, die die ungezügelten Esser zu sich nahmen. Wardle und Beales (1987) ermittelten entsprechende Werte von 1621 kcal/Tag bei Frauen mit gezügeltem Eßverhalten gegenüber Frauen mit wenig gezügeltem Eßverhalten, die eine durchschnittliche Energiezufuhr von 1974 kcal/Tag aufwiesen. Tuschl, Platte, Laessle, Stichler und Pirke (1990) stellten fest, daß gezügelte Esser nicht nur eine geringere Energiezufuhr besitzen, sondern sich auch durch einen erniedrigten Energieverbrauch  auszeichnen.

Die Theorie des gezügelten Essens beinhaltet nach Ruderman (1986, zitiert nach Pudel & Westenhöfer, 1991) zwei grundlegende Hypothesen. Die erste Hypothese lautet, daß gezügelte Esser mehr essen, wenn die selbst auferlegte Einschränkung der Nahrungsaufnahme unterbrochen wird (Disinhibitionshypothese). Die zweite Hypothese besagt, daß die erhöhte Externalität bei Adipösen eine Folge des gezügelten Eßverhaltens ist.

 

Herman und Mack (1975) konnten zeigen, daß bei Adipösen die kognitive Kontrolle enthemmt wird, wenn es zu einer Überschreitung der durch das gezügelte Essen erlaubten Nahrungsmenge kommt.

Unter emotionalem Überessen versteht man Emotionen, die zur kognitiven Enthemmung der Kontrolle führen. In verschiedenen Untersuchungen (Baucom & Aiken, 1981; Ruderman, 1985) konnte gezeigt werden, daß gezügelte Esser bei negativer (dysphorischer) Stimmung dazu neigen, mehr zu essen (hyperphage Reaktion), während ungezügelte Esser eher weniger essen.

Von zentraler Bedeutung innerhalb der Theorie des gezügelten Essens ist das Konstrukt der Störbarkeit. Darunter versteht man das Ausmaß der Enthemmung der kognitiven Kontrolle und Beeinflussung des Eßverhaltens durch unkontrollierbare Hungergefühle. Dabei wird das "Verlangen nach Süßem" und "plötzlicher Heißhunger" am häufigsten von Frauen berichtet (Pudel & Westenhöfer, 1991).

Westenhöfer et al. (1987) stellten fest, daß Frauen mit wenig gezügeltem Eßverhalten aber hoher Störbarkeit das höchste Körpergewicht besitzen. Die Variable Störbarkeit des Eßverhaltens, nicht jedoch das gezügelte Eßverhalten korreliert mit dem Körpergewicht.

Von Eßanfällen bei Adipösen berichten Loro und Orleans (1981). Bei Eßanfällen werden große Nahrungsmengen verschlungen, auch wenn die Betroffenen keinen Hunger verspüren. Als Ursache von Eßanfällen wird gezügeltes Essen angesehen.

Tuschl, Laessle, Platte und Pirke, (1990) vermuten, daß durch das gezügelte Essen die Attraktivität bestimmter Speisen erhöht wird, während gleichzeitig die erlernten Komponenten der Sättigung zerstört werden. Störungen des Sättigungsprozesses werden aber nicht als direkter Auslöser von Eßanfällen verstanden. Hier werden insbesondere die Rolle von Emotionen und die mögliche Funktion von Eßanfällen als inadäquater Coping-Mechanismus diskutiert.

Gezügeltes Essen stellt keine hinreichende Bedingung für Eßanfälle dar. Es existieren Teilkollektive innerhalb der Gruppe der gezügelten Esser, die ihre Nahrungsaufnahme einschränken, ohne daß es bei ihnen zu Eßanfällen kommt. Erklärbar wird dieser Befund durch Hinzunahme des Konstrukts der Kontrolle. Bei der rigiden Kontrolle zeigt sich eine hohe Störbarkeit des Eßverhaltens. Eine flexible Kontrolle geht mit einer geringeren Störbarkeit des Eßverhaltens einher (Pudel & Westenhöfer, 1991).

Dieser Befund wird für viele Adipositastherapien relevant, die häufig durch eine rigide Kontrolle des Eßverhaltens gekennzeichnet sind. Da diese zu Eßstörungen führen können, sollte mehr auf eine flexible Kontrolle geachtet werden.

 

 

 

 

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