| 3.4.2 Verminderter Grundumsatz Einen verminderter Grundumsatz als einen möglichen ätiologischen Faktor für die Adipositas anzusehen, ist naheliegend, da dieser den größten Anteil des Energieverbrauchs ausmacht. Früher wurde der Grundumsatz als relativ konstant angesehen (aus diesem Grund wurde der Grundumsatz auch auf Basis von Gleichungen vorhergesagt) und man konzentrierte sich auf eine verminderte DIT als möglichen Faktor für eine Gewichtszunahme. Neuere Untersuchungen haben aber gezeigt, daß es doch individuelle Unterschiede gibt. Bogardus et al. (1986, zitiert nach Ravussin & Swinburn, 1993) haben bei 130 Familienmitgliedern von 54 Familien den Grundumsatz gemessen. Zum einen stellten sie eine
große Schwankungsbreite zwischen 1233 kcal/Tag und 2920 kcal/Tag fest, zum anderen zeigte sich, daß die Unterschiede innerhalb von Familienmitgliedern nur 1/3 so groß waren wie zwischen den Familienmitgliedern, was auf eine genetische Komponente schließen läßt. In einer Untersuchung von Ravussin et al. (1988) an 126 Pima-Indianern konnte gezeigt werden, daß ein niedriger Grundumsatz langfristig zu einer Gewichtszunahme führt. Diejenigen Probanden mit einem niedrigeren Grundumsatz nahmen 8-mal häufiger Gewicht zu, als solche mit einem hohen. Der Grundumsatz erklärte 40 % der Gewichtsveränderung. Die Gruppe mit niedrigem Grundumsatz "normalisierte" ihn mit ansteigendem Gewicht von 1694 kcal/Tag auf 1813 kcal/Tag. Ob körperliche Inaktivität den Grundumsatz senkt, ist bis heute nicht ganz geklärt. Dieser Zusammenhang ist insofern interessant, da man eine geringere körperliche Aktiviät bei Adipösen annimmt.
Einige Studien haben einen Zusammenhang zwischen dem Grad der körperlichen Fitness und dem RMR gezeigt (Tremblay et al., 1986; Poehlman, Melby & Bradylak, 1988), andere auch eine Reduktion des RMR bei zwischenzeitlicher körperlicher Inaktivität (Tremblay, Nadeau, Fournier & Bouchard, 1988). Es gibt aber auch Studien, die diesbezüglich keinen Zusammenhang zeigen (Donahoe, Daria, Kirschenbaum & Keesey, 1984). Ob die Einführung eines körperlichen Traninigsprogramms das Absinken des RMR während der Gewichtsabnahme vermindern kann, wird diskutiert (Donahoe et al. 1984). Studien von Saad et al. (1991) und Schwartz, Jaeger und Veith (1988) weisen darauf hin, daß eine niedrigere Aktivität des sympathischen Nervensystems den Ruheumsatz senkt.
3.4.3 Verminderte diätinduzierte Thermogenese Seit PittetĖs Studie von 1976 (zitiert nach Ravussin & Swinburn, 1993), die ein Absinken von Glukose bei Übergewichtigen zeigte, konzentrierten sich viele Wissenschaftler auf eine erniedrigte diätinduzierte Thermogenese als Ursache eines Gewichtsanstiegs. Ein weiterer Grund für die Fokussierung auf die DIT lag in der früher vorherrschenden Annahme, es gäbe keine Variationen im RMR. Insgesamt bestehen unterschiedliche Meinungen darüber, ob eine reduzierte Thermogenese eine Rolle als ätiologischer Faktor bei der Adipositas spielt. Segal und Mitarbeiter (Segal, Gutin, Nyman & Pi-Sunyer, 1985; Segal, Gutin, Albu & Pi-Sunyer, 1987; Segal, Eda, Blando & Pi-Sunyer, 1990) konnten in einigen Studien zeigen, daß die Thermogenese nach der Nahrungsaufnahme bei Adipösen im Vergleich zu Normalgewichtigen erniedrigt ist. In einer Übersichtsarbeit von Ravussin und Swinburn (1993) zeigte sich in 28 Studien ein verminderter thermischer Effekt bei Adipösen im Vergleich zu Normalgewichtigen, während in 17 Studien kein Unterschied festgestellt werden konnte. Ravussin und Swinburn (1993) sehen die hohe Beeinflussbarkeit der DIT für die Variabilität der Ergebnisse an. Folgende Faktoren besitzen einen Effekt auf die DIT: Mahlzeitgröße, Mahlzeitzusammensetzung, Schmackhaftigkeit der Nahrung, Essenstagezeit, genetischer Hintergrund der Person, Alter, körperliche Fitness und Insulinsensitivität. Nach Ravussin (1995) konnte in neueren prospektiven Studien kein reduzierter thermischer Effekt bei der Gewichtszunahme ausgemacht werden. Ravussin (1995) sieht eine verminderte DIT als Folge der Adipositas und nicht als deren Ursache an. Die meisten Autoren weisen einer verminderten Thermogenese bei Adipositas eine unwesentliche Bedeutung zu. Individuelle Differenzen machen nur einen geringen Teil im täglichen Energieverbrauch aus (Anteil der Thermogenese am Energieverbrauch etwa 10 %). Es besteht die Auffassung (Ravussin & Swinburn, 1993), daß eine mögliche verminderte DIT durch einen erhöhten Grundumsatz und einen höheren körperlichen Energieverbrauch, beides bedingt durch ein erhöhtes Körpergewicht, ausgeglichen wird.
3.4.4 Verminderte körperliche Aktivität Eine reduzierte körperliche Aktivität und dem dadurch bedingten geringeren Energieverbrauch ist eine offensichtliche und attraktive Hypothese. Der parallele Anstieg der Adipositas mit der Zunahme sitzender Tätigkeiten in Beruf und Freizeit weist auf diese Komponente des Energieverbrauchs als ätiologischen Faktor der Adipositas hin. Bei einer eventuell feststellbaren geringeren körperlichen Aktivität bei Adipösen muß aber berücksichtigt werden, daß der Energieverbrauch für eine bestimmte Aktivität proportional zum zunehmenden Körpergewicht steigt und deshalb Adipöse für eine spezifische Aktivität mehr Energie aufwenden müssen als Normalgewichtige. In einer Untersuchung von Ferraro, Boyce, Swinburn, DeGregorio und Ravussin (1991) wurde eine negative Beziehung zwischen Energieverbrauch durch körperliche Aktivität und dem Grad der Adipositas festgestellt. In dieser Studie zeigte sich bezüglich des Energieverbrauchs, daß eine geringere körperliche Aktivität bei Adipösen nicht durch einen vermehrten Energieverbrauch - bedingt durch ein erhöhtes Gewicht - kompensiert wird. Bei Untersuchungen an 50 Pima-Indianern stellte sich heraus, daß körperliche Aktivität mit ansteigendem Alter (Rising, Harper, Ferraro, Fontvieille & Ravussin, 1991, zitiert nach Ravussin & Swinburn, 1993) und ansteigender Adipositas (Ravussin, Haper, Rising, Ferraro & Fontvieille, 1991, zitiert nach Ravussin & Swinburn, 1993) absinkt. In einer Studie von Zurlo et al. (1992) wurde in der Respirationskammer die Spontanaktivität mittels Sensoren gemessen. Es zeigte sich, daß sich Adipöse im Vergleich zu Normalgewichtigen deutlich weniger bewegen. Auch war die diesbezügliche Varianz innerhalb der Familien deutlich geringer als zwischen den Familien, was eine genetische Einflußnahme bedeuten kann. Es stellte sich auch heraus, daß eine geringere Spontanaktivität ein Risikofaktor für eine Gewichtszunahme darstellt. Ob eine verringerte Aktiviät Ursache oder Folge der Adipositas ist, kann durch Longitudinalstudien herausgefunden werden. Roberts, Savage, Coward, Chew und Lucas (1988) untersuchten den Gesamtenergieverbrauch Neugeborener von normalgewichtigen und übergewichtigen Müttern. Die Nahrungsaufnahme differierte zwischen den Gruppen nicht. Die Hälfte der Säuglinge der übergewichtigen Mütter nahm sehr schnell an Gewicht zu. Der Energieverbrauch lag um 20,7 % niedriger als bei schlanken Säuglingen (gemessen mittels DMW). Die Autoren machen eine verminderte körperliche Aktivität für den verminderten Gesamtenergieverbrauch verantwortlich. Ob körperliche Aktivität vererbbar ist, ist damit noch nicht bewiesen, auch eine verminderte Aktivität der Mutter kann eine Rolle spielen, was jedoch nicht untersucht wurde. Auch andere Longitudinaluntersuchungen an Kindern (Griffiths, Payne, Stunkard, Rivers & Cox, 1990) und Erwachsenen (Ravussin et al., 1988; Zurlo et al. 1992) zeigten eine verminderte körperliche Aktivität als ätiologischen Faktor der Adipositas an.
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