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04.09.2005
Adipositas-Gen bei Fruchtfliege identifiziert
Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie haben
systematisch nach "Adipositas-Genen" bei der Fruchtfliege gesucht: Über 200
ihrer Gene sind in Abhängigkeit vom Ernährungszustand reguliert, darunter das so
genannte brummer-Gen, das sie als ein bisher unbekanntes,
Speicherfettspaltendes Enzym identifizieren konnten. Fehlt dieses Gen, tritt
bei der Fliege Adipositas ein, ist das Gen überaktiv, führt das zu mageren
Fliegen. Da dieses Gen ein menschliches Pendant besitzt, liegt nahe, dass es
auch an Adipositas beim Menschen beteiligt ist. Die Fliege eignet sich also
durchaus für die Modellierung therapeutischer Aspekte von Adipositas (Cell
Metabolism, 11. Mai 2005).
Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) wurden über lange
Zeit als Problem einzelner Menschen in westlichen Überflussgesellschaften
marginalisiert. Nach Schätzungen der WHO beträgt die Zahl der Übergewichtigen
jedoch mittlerweile weltweit 1 Milliarde, darunter 300 Millionen krankhaft
adipöse Menschen. Adipositas ist mit einer Vielzahl schwerer, zum Teil
chronischer Krankheiten wie Diabetes assoziiert, deren Behandlung das
Gesundheitswesen vieler Länder in Zukunft vor ungekannte Probleme stellen wird.
Zweifelsohne ist das (Über)Angebot energiereicher Nahrungsmittel,
verstärkt durch geringe Bewegungsaktivität, der entscheidende Faktor, der die
Ausbreitung der Adipositas-Pandemie vorantreibt. Andererseits liegt der
Krankheit eine starke genetische Prädisposition zugrunde, zu der eine Vielzahl
von Genen beiträgt. Durch Forschung an humanen Zellkultursystemen und
Säugetiermodellen wurden bereits einzelne "Adipositas-Gene" identifiziert,
jedoch ist die Liste alles andere als vollständig und auch die regulatorischen
Wirkmechanismen dieser Gene sind häufig noch nicht verstanden.
Adipositas
ist die pathologische Folge einer Fehlfunktion der so genannten
Energiehomöostase, eines komplexen Regulationsnetzwerkes, das die kontrollierte
Speicherung von Körperfett in Zeiten des Nahrungsüberschusses und dessen
Mobilisierung in Hungerperioden ermöglicht. Die Notwendigkeit der
kontinuierlichen Aufrechterhaltung des Energiegleichgewichtes des Körpers ist
nicht auf Menschen oder Säugetiere beschränkt, sondern universelle Eigenschaft
aller Tiere. Dies wirft die Frage auf, in welchem Umfang Gene und
Regulationsmechanismen der Energiehomöostase in der Evolution konserviert
sind.
Die Projektgruppe "Molekulare Physiologie" um Dr. Ronald Kühnlein
in der Abteilung für Molekulare Entwicklungsbiologie (Direktor: Prof. Dr.
Herbert Jäckle) am Göttinger MPI für biophysikalische Chemie, untersucht
genetisch bedingte Unterschiede des Körperfettgehaltes am Modellsystem
Drosophila. Zwar gibt es bei Taufliegen keine offensichtlichen
Unterschiede zwischen dick und dünn, jedoch kann der Körperfettgehalt fetter
Fliegen 15fach höher sein als der ihrer mageren Artgenossen. Frühere
Untersuchungen der Projektgruppe an einem Lsd-2 genannten Fliegengen, einem
Verwandten des Säugetier-"Adipositas-Genes" Perilipin, ergaben erste Hinweise
auf die funktionelle Konservierung der Fettspeicheregulation zwischen Insekten
und Säugetieren [1].
In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Cell
Metabolism [2] stellen die Wissenschaftler nun das Ergebnis einer
systematischen Suche nach neuen "Adipositas-Genen" der Fliege vor. Über 200 Gene
von Drosophila sind in Abhängigkeit vom Ernährungszustand reguliert. Die
Funktion eines Viertels von ihnen ist bislang unbekannt, darunter das so
genannte brummer (bmm)-Gen. Die Forscher identifizieren das
Brummer-Protein als Mitglied einer neuen Familie von Speicherfett-spaltendes
Enzymen (Triazylglyzeridlipasen), welches an intrazelluläre
Fettspeichertröpfchen im Fettgewebe der Fliege assoziiert. Das Fehlen von
brummer verursacht Adipositas in Drosophila, während eine
Überaktivierung des Gens zu mageren Fliegen führt.
Die
funktionelle Charakterisierung des brummer-Genes in vivo erweitert
nicht nur wesentlich das Verständnis der Regulation der Körperfettspeicherung in
Insekten. Die Existenz des Brummer-verwandten Enzymes ATGL (adipocyte
triglyceride lipase) in Fettspeicherzellen von Säugetieren lässt vermuten, dass
diese Genfamilie eine zentrale, evolutionär konservierte Rolle bei der
Regulation des Körperfettgehaltes von Tieren spielt. Dies eröffnet die
Perspektive, mechanistische und therapeutische Aspekte von Adipositas in dem
genetisch und molekular gut zugänglichen Modellsystem der Fruchtfliege zu
untersuchen.
Der
Artikel steht im Internet unter www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/2005/index.html.
(BK)

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